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Worüber ich die letzten drei Tage immer wieder schmunzeln musste …

„Dumme Amis“ – Sie haben keine Ahnung von Geografie, sind oberflächlich und nur an Basketball interessiert. Vom Rest der Welt haben die Amerikaner so viel Ahnung wie hierzulande Zehnjährige. Amerikaner sind in Sachen Geschichte oft ahnungslos.

… So die Vorurteile, die sich hartnäckig halten. Habe ich mal so gehört.

Nun bin ich ein Mensch, der von sich behauptet, offen und sehr aufgeschlossen anderen Menschen begegnen kann. Ohne Vorurteile. So die Idee. 😉

Folgendes habe ich am Donnerstag Nachmittag – im historischen Herzen von Berlin – erlebt:

Ich war gegen 17 Uhr mit meinem Rad auf dem Weg nach Hause. Meist fahre ich über die Bernauer Straße Richtung Wedding. Dort befindet sich ein sehr großes Areal der Berliner Mauergedenkstätte (nicht zu übersehen). Es ist eine Art Begegnungsstätte geworden.

Das Gebiet um die Kreuzung Bernauer Straße/Brunnenstraße war an diesem noch frühen Abend überfüllt von Touristen, da es mittlerweile durch die Gegend um den Mauerpark und den vielen schicken abgefahrenen Läden zum Anziehungspunkt für Menschen aus der ganzen Welt geworden ist.

Ich denke in solchen Situationen sehr oft, dass ich die einzige Berlinerin an diesem Ort bin – was natürlich nicht stimmt. Und ich bin so sehr stolz in dieser wunderbaren Stadt leben zu dürfen. Das nur so nebenbei.

Genug geschwafelt. Ich stand!! an besagter Kreuzung an einer roten Ampel. Vorzugsweise halte ich mich an dieser Stelle an die Verkehrsregeln, da die Kreuzung – selbst für mein Empfinden – stark befahren ist. Welches Glück!!

Folgendes Gespräch mit einem ungewöhnlichen Ausgang IN ENGLISCH folgte – ich gebe das Gespräch allerdings in Deutsch wieder:

Frau ca. 40 Jahre alt blaß und „leicht“ unförmig mit Kind (Mädchen) ca. 10 Jahre alt blaß und „leicht“ unförmig, sprach mich an der Kreuzung an:

Sie: „Bist Du aus Berlin?“

Ich: „Ja, das bin ich.“

Sie: „Kennst Du Dich hier aus?“

Ich: „Ja, ich kenne mich hier sehr gut aus.“

Sie: „ Wo ist denn die Berliner Mauer?“

Ich zeigte auf die Schilder über mir: „Wir stehen direkt drauf.“

Sie: „ Nein, ich meine die Berliner Mauer.“

Ich: „Ja, habe ich verstanden. Alles, was Du siehst ist und war die Berliner Mauer.“ Ich zeigte auf die Fassaden der Häuser und die Stehlen, welche die Mauer – neben den Fragmenten – symbolisieren.

Ich wieder: „Oder meinst Du die eigentliche Berliner Mauergedenkstätte?“

Sie nickte scheinbar etwas verunsichert.

Ich: „Da läufst Du einfach ca. 500 m in diese Richtung (ich zeigte dorthin) und dann findest Du das „Museum“ auf der linken Seite. Nicht weit von hier. Auf diesem Weg siehst Du auch noch Teile der originalen Mauer.“

Sie leicht genervt: „Und wo ist jetzt die Berliner Mauer?“

Mittlerweile sind unzählige Ampelphasen dahin gegangen. Und ich stand inzwischen fast ratlos immer noch mit meinem Fahrrad und der netten Frau nebst ihrer Tochter (wie aus Gesicht und Körper geschnitten) an der Ampel. Ich begann zu glauben, dass mein Englisch unverständlich wäre. Obwohl ich mittlerweile auf dem guten Weg von „B2“ zu „C1“ bin. So hoffte ich bis dahin.

Ein sehr unwahrscheinlicher Gedanke schoss mir blitzschnell durch den Kopf.

Ich: „Die Berliner Mauer gibt es doch seit über … (ich überlegte kurz) 25 Jahren nicht mehr. Sie fiel im Herbst 1989.“

Sie (mittlerweile völlig verstört): „Wirklich? Das wusste ich gar nicht. Echt?“

Meine letzte Frage: „ Where are you come from?“

Sie: „United States of America.“

Fassungslos und zugleich innerlich lachend fuhr ich nach Hause.

Pisa und andere Statistiken zeigen, auch „Normalamerikaner“ sind nicht dumm. Nur ein bisschen anders.

Immer noch schmunzelnd.

Bildschirmfoto 2015-07-06 um 19.26.28

5 Kommentare

  1. Pingback: Warum ich denke, das Beten für Paris und die Tricolore nicht hilft ... - rawrebel.de

  2. P.S. Sind immer tolle Fotos, mit denen Du Deine Beiträge bebilderst – sehr ausdrucksstark.
    Stefan

    Antworten

    • … ich habe sie alle selbst gemacht. Ich nehme KEINE Google-Bilder oder andere “fremde” Bilder. Das Foto habe ich an dem Tag nach diesem Gespräch aufgenommen. 🙂

      Antworten

  3. Liebe Astrid,
    man könnte fast darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Aber das ist heute längst kein amerikanisches Problem mehr. Frag mal deutsche Jugendliche nach dem geteilten Deutschland – Mauerfall ´89? Da siehst du allzuoft nur Fragezeichen in den Augen. Der Zweite Weltkrieg wird auf “irgendwann im 16. Jahrhundert” verlegt und vom Ersten hat man noch nie gehört. Dabei war die Informationsbeschaffung nie so einfach wie heute. Kaum ein U30ger läuft ohne Smartphone vor der Nase durch die Straße – was machen die da? Geschichtsrecherche eher nicht! Oh Mann, ich rede schon wie ein “alter Zausel”, dabei will ich nur sagen, dass ich Dein wieder so realitätsnah beschriebenes Erlebnis so gut nachempfinden kann. Quintessenz: Der Mensch ist nicht in der Lage aus seiner eigenen Historie zu lernen – sonst gäbe es lang keine Kriege mehr.
    LG-Stefan

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    • Lieber Stefan,
      ich freue – wie immer – mich sehr über Deine Worte. Ja, Du hast recht. Es ist kein amerikansches Problem. Da hält sich nur so lange das Vorurteil. Wir könnten so informiert wie noch nie in der Geschichte der Menschheit sein. Dank Web 2.0. Und sind so uninformiert UND desinteressiert, wie noch nie. Schon bemerkenswert. Das war und ist sehr schwarz/weiß gedacht. Und es ist dich was dran. 😉
      Danke!

      Antworten

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