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Warum wir verloren sind, wenn das angeschwemmte tote Kind …

… unsere Sicht auf die Welt nicht verändert.

Ich möchte keine Bilder von toten Kindern sehen. Ich kann es nicht aushalten. Nicht ertragen. Meine Trauer und meine Tränen nicht zurückhalten. Und genau deswegen ist es gut, diese Bilder zu zeigen. Es gibt Leichen, die lauter schreien als Sirenen und heller leuchten als Fackeln in der Dunkelheit.

Als Mutter und bald zweifache Oma kann ich keinen Unterschied zwischen Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen sehen und empfinden.

Die politische Lage in Deutschland hat sich geändert. Ein paar Monate später ist nichts mehr so, wie es einmal war. Ich hatte eine schöne Wohnung. Eine gesunde Familie. Genug zu essen. Es war im Winter warm.

Die Zeltsiedlung liegt vollkommen schutzlos inmitten einer anderen Stadt. Etwa 100 Menschen leben mit mir und meiner Familie hier, unter ihnen viele Kinder. Meine Tochter, ihr Mann, mein dreijähriger Enkelsohn und meine gerade neugeborene Enkeltochter sind bei mir. Hinter einigen großen Häusern stehen unsere Zelte, sie sehen in dieser Gegend unwirklich aus. Es ist kalt. Wir haben Hunger.

Hunger und Krieg haben jetzt auch Deutschland erreicht. Haben mich und meine Familie erreicht. Wie haben seit einer Woche nicht mehr richtig gegessen und getrunken. Ich habe Angst. Um uns.

Mein Enkelsohn spielt mit anderen Kinder auf dem steinigen Boden und obwohl die Sonne scheint, macht der unangenehme Wind mir Sorgen: Der Winter naht und es gibt kein fließendes Wasser, keinen Strom. Die Zelte sind zwar schon befestigt, aber selbst jetzt tragen die Kinder noch offene Schuhe. Was wird in drei oder vier Wochen sein, wenn die Temperaturen fallen? Ich halte ganz fest meine zwei Wochen alte Enkeltochter im Arm. Drücke sie an meine Brust. Halte sie ganz fest. Und weine. Habe Angst und Hunger.

Wohin gehen wir, wenn ich keinen Ausweg mehr sehe? Wenn meine Familie nicht mehr genug zu essen hat? Mein Haus durch Krieg und Plünderung zerstört ist?

Es ist für mich kein Unterscheid, ob mein Kind, meine Familie an Hunger oder durch Bomben sterben wird, wenn wir nicht fliehen werden. In ein anderes Land, wo meine Familie zumindest überleben kann. Das ist für mich das Gleiche. Weil ich liebe. Mein Kind und meine Familie. Mit welchem Recht teile ich Menschen in Schubladen ein? Wer meine Empathie verdient oder wer nicht. Wer hier richtig ist und wer nicht.

Dieses Drama war absehbar. Es war nur eine Frage der Zeit. Es ist das Ergebnis unserer grenzenlosen Herrschsucht und unseres Machtstrebens. Jetzt ist endlich die Zeit gekommen für eine gemeinsame Welt des Mitgefühls und der Empathie einzustehen.

Ich hoffe so sehr, dass die Zeit gekommen ist, ernsthaft zu handeln. Krieg ist nicht mit Krieg zu bekämpfen. Die Kumpanei mit Schreckensregimen und die absurde Abschreckungspolitik ist unser Untergang.

Ich muss mich nicht damit abfinden, dass es Krieg und Hunger gibt. Beides ist von Menschen gemacht. Von uns. Es ist der Augenblick gekommen gegen die Ursachen der Flucht aufzustehen. Gegen die Zerstörung ihrer Heimat vorzugehen.

Wie? Jeden Tag entscheide ich mit meinem Kassenzettel über die Zukunft unseres Planeten. Nichts bleibt ohne Folgen. Die Flüchtlinge sind hier, weil wir ihre Länder zerstören. Durch Überfischung und Landnahme. Wir nehmen den Menschen die Ernährungssouveränität, die Fähigkeit zu überleben. Und wir sind auch noch einer der größten Waffenexporteure. Und Europa schottet sich ab. Militarisiert seine Grenzen. Kommen nach Stacheldraht nun auch Minenfelder um Europa?

Wie Scheiße ist das eigentlich? Bildschirmfoto 2015-09-03 um 13.49.00

Niemand flieht ohne Grund.

Es ist nicht „mein“ Land. Es ist nicht „meine“ Stadt, in der ich lebe. Und auch nicht „ihr“ Land aus dem sie kommen. Es ist unsere Welt. Unser Planet. Nichts gehört mir allein.

Und für alle, die immer noch sagen: „Mir wurde ja auch nie was geschenkt.“: Doch. Verstand, Vernunft und Mitgefühl gab es für jeden von uns – zumindest theoretisch – kostenfrei. (Danke Oliver Kalkofe)

Flüchtlinge sind Menschen, Menschen in Not, und keine Wesen zweiter Klasse.

Refugees Welcome.

Bildschirmfoto 2015-07-06 um 19.26.28

 

 

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  8. Das Traurigste an alledem: Auch aus dieser unfassbaren Tragödie wird die Menschheit nichts lernen – wie aus vielen Grausamkeiten in 7000 Generationen Menschheitsgeschichte zuvor. “Geschichte wird von Siegern gemacht” – Moral und Menschlichkeit sind da nicht gefragt. Trotz dieser traurigen Erkenntnis Dank an all jene, die selbstlos, vorurteilsfrei und unbürokratisch Mensch-zu-Mensch-Hilfe leisten.
    LG-Stefan

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    • … ich glaube fest daran: in kleinen Schritten kann und wird sich etwas ändern. Wir haben es in der hand. Jeder Einzelne. Und vielleicht hilft der Flügelschlag eines Schmetterlings doch ein klein wenig die Welt zu verändern. Wo wären wir, wenn Menschen gelauben würden, dass ihr TUN nichts ändert? Ich mag nicht daran denken.
      <3
      Danke!

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  9. Wahre Worte liebe Astrid! Die sprichst mir aus der Seele. Es wird Zeit das wir einander mit Liebe begegnen anstatt mit Neid, Aggression und Gier! Love is the answer

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    • … wie schön, von Dir zu lesen. Ich hoffe sehr, dass immer meher Menschen fühlen, das es sooo nicht weiter gehen DARF. Danke für Deine Worte. Love is the answer. <3

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    • Lieber Hans-Jürgen,
      ich habe sehr sehr viel Herzblut in meine Worte gesteckt. Und ich war schon lange nicht mehr so betroffen und berührt.
      Danke für Deine Worte.
      Liebe Grüße <3

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