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Warum ich neugierig auf die “Falten“ der Anderen bin …

Klassentreffen sollen doch eigentlich immer eine Mischung aus Grusel und Comedy sein. Die ehemaligen “Obermacker” sind mehrheitlich zu fettbäuchigen Spiessern mutiert und die “scharfen” Mädels zu grauen verbrauchten Heimchen, die mißmutig ihren fettbäuchigen Spiessern hinterherwatscheln. Und die ehemaligen “Loser/innen” geniessen grad das Leben …

Bei uns war gestern alles anders. Und das ist gut so.

Meine Mutter war Mathematiklehrerin und mein Vater Vorsitzender des von mir so gehaßten Elternbeirates. Beides war in meinem damaligen Empfinden gleich Scheiße. Und auch aus meiner heutigen – immer noch weniger weisen Sicht – macht das keinen Unterschied.

Ich bin mit dem Rotstift groß geworden. Mit mir, so behauptete mein Vater sehr lange, könne man jeden Ort nur zweimal besuchen. Einmal zum Vorstellen und einmal zum Entschuldigen. Für meine Eltern war ich eine ungezogene Reiterin der Apokalypse.

Im Nachhinein glaube ich aber, dass mein Ruf als die “irdische Vertreterin Satans” nur ein fundamantaler Irrtum war. Ich war und bin Einzelkind und so hatten meine Eltern keinen wirklichen Vergleich. Und sahen in mir immer das Schlimmste. Das war es allerdings auch das eine oder andere mal.

Um mein Leben unter dem Rotstift erträglich zu halten, brach ich im Verhalten und im Denken immer wieder durch die Wand … Bis heute “eigentlich”. Und dafür bin ich auch dankbar.

So habe ich sehr früh die Erfahrung machen DÜRFEN, dass es mir (meist) scheißegal ist, was andere von mir denken. Hauptsache anders, als meine Eltern von mir “erwarteten”. Das hilft. Immer mal wieder rebellisch, ungepasst und wenig gehorsam zu sein. Danke dafür Mutti und Vati (Gott hab ihn seelig :-/ und der Tod hat nicht das letzte Wort – wie schön).

Also nichts wie hin zum 30-jähirgen Klassentreffen.

Ich war die Erste. Das war schon mal richtig cool. So konnte ich der “Küche“ unseres Treffpunktes schon mal meine Sonderwünsche bzgl. des gemeinsamen Essens mitteilen. Als Rohkostveganer esse ich ja bekanntlich nur rohe “Bio-Öko-Dinkel-Möhren” und trinke “Bio-Dinkel-Öko-Wasser”. 🙂

Da fällt mir ein: Gemeinsam und über sich selbst Lachen ist die beste Methode, um Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen (habe ich mal irgendwo gelesen). Unter anderem, weil wir so schneller bereit sind, mehr von uns zu erzählen. Und so war es. Als wenn es kaum Jahre dazwischen gab.

Egal, ob man mittlerweile Leichtathletik-Europameister, Rockstar oder Vorstandsvorsitzender von Siemens wäre – diese Menschen kennen einen immer noch als Mensch. Der eine Schwäche in Mathe oder in allen anderen Fächern hatte, zu faul für alles war und sich auf dem Schulhof geprügelt hat, heimlich geraucht hat, oder sich während des Unterrichts selbstgebastelte Herzen hinter die Brille klempte oder dessen Vater – wie der meinige :-/ – Vorsitzender des Elternbeirates war. Oder alles auf einmal.

Die extremen Macht- und Geldkarrieren machen ja die Männer OHNE Eier. Und so begegnete ich gestern Männern MIT Eiern,

  • die mit ihrer zwei-jährigen Tochter erstmal stolz zu Hause bleiben. Das als alternative Lebensidee sehen können.
  • die vor 8 Jahren – mit fast 40 – nochmal ihren Traumberuf lernten. Physiotherapie. Dadurch (wieder) an sich glauben gelernt habe, Großes zu schaffen und zu können.
  • die Schicksalsschläge als Teil ihres Lebens verarbeiten. Und mehr im Leben leben, als so manch karriere – und geldgeiler Psychopath.
  • die es in unserer Schulzeit nicht einfach hatten (heute würde man es vielleicht “Mobbing” nennen) und jetzt schöner und ausdrucksstärker sind, als ich es mir je vorzustellen vermochte.2015_10_25_073804
  • und ich begegnete wieder diesem Mann, der vor 3 Jahren der besondere Stein war. ER brachte das Mühlrad meines Lebens als erster in Unwucht. Danke dafür!  Schön, dass es Dich gibt. 😉2015-10-24 23.08.31

Und wir Mädels?

Bildschirmfoto 2015-10-25 um 14.07.27Böse Zungen würden behaupten, wir hätten uns gut gehalten. Es ist viel mehr.

Wenn man mal angefangen hat, sich selbst aus der Sicht seines Geburtsjahres zu sehen, ist es wie mit Cellulite: Je intensiver man sich damit beschäftigt, um so schlimmer wird’s. Erst denkt man, man hat gar keine, und am dritten Tag googelt man, wer einem das wegmachen kann. Und dann las ich von Olivenöl … Scherz!! 🙂

Wir sind schön. Stark und selbstbewusst. Lachen über uns. Wir wissen, wie es ist, sich jedes Jahr 14 Tage vor dem Urlaub in die Bikinifigut hungern zu wollen (eine 14-Tage Brigitte-Diät funktionert eben nicht). Mehr Sport machen zu wollen. Aufhören zu wollen mit rauchen – wenn es einfach wäre, dann könnte es ja jeder. Vielleicht große Pläne im Leben gehabt zu haben und jetzt ein Haus oder ein früheres Leben abbezahlen zu müssen und zu wollen. Und nicht jeden Kerl ins Bett lassen zu müssen. Oder auch manchmal hilflos zu sein, weil man nicht alles selbst bestimmen kann. Im Leben. Und keine watschelt hinter fettbäuchigen Spießern hinterher.

Ich merke, dass wir uns auch nach langer zeitlicher und räumlicher Trennung noch oder gerade sooo viel zu sagen haben. Das ist ein großartiges Gefühl, welches in mir die Lust auf mehr aufkommen lässt.

Mehr und regelmäßig (was auch immer regelmäßig bedeutet) in einen wie auch immer gearteten Austausch zu treten.

An dieser Stelle finde ich es großartig, dass es whatsapp und Facebook gibt. So ist der Kontakt anders und einfach auch intensiver möglich. Und schon im Vorfeld hatte ich das Empfinden zum Beispiel auf Ute einfach vertrauter und mit großer Freude zu treffen. Facebook hat so viel Chancen. Wenn wir es bewusst und für uns nutzen. Aktiv nutzen. Ja, so ist ein Teil – vielleicht auch ein recht großer Teil – von uns “öffentlich”.

Nur, was heißt “öffentlich”?

Mit anderen Menschen in Kontakt zu sein. Teil ihres Erlebens sein zu können. Einen – sicher auch erstmal oberflächen – Eindruck zu bekommen. All das wäre ohne Social Media eben nicht möglich. Ich bin (trotz aller Nachteile) sehr froh über das bewusste Nutzen dieses Mediums. Und das ist unsere und meine Verantwortung. Es bleibt nichts ohne Folgen. Wie und was wir auch immer tun.

DANKE für den tollen Abend!!

ABER  ich war und bin die einzige Großmutter. Und wie geil ist das denn eigentlich … 🙂

Bildschirmfoto 2015-07-06 um 19.26.28

2 Kommentare

  1. Liebe Astrid,
    wie toll das du uns an eurem 30jährigen Klassentreffen hast teil haben lassen 🙂 Das ich deine Art zu schreiben liebe weißt du ja 😉 Ich freue mich jedesmal wieder auf Artikel/Berichte von dir.
    Und hey die einzige Großmutter 😉 hihi …. toll das ihr so ein schönen Abend hattet. Und super schöne Fotos.
    Danke, Jen

    Antworten

    • Liebe Jen,
      danke für Deine Worte.
      Es ist so schön, mit diesen Menschen viel zu lachen. Wir hatten schon ein paar coole Typen dabei. 😉 Und den Humor und die Schlagfertigkeit haben sie nicht verloren. Das war soooo ansteckend.
      <3 Astrid

      Antworten

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