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Warum die ewige Suche nach der Selbstliebe einfach mal Scheiße ist …

… und uns emotional verkümmern lässt. Uns in die Irre führt. Zumindest mich. Diese Erkenntnis ist für mich wie ein Erwachen. Schön und schmerzhaft zu gleich.

Die Antwort auf folgende Fragen treibt mich in der letzten Zeit besonders um.

“Was muss ich tun, damit ich mich selbst so liebe, dass ich von der Anerkennung und der Liebe anderer Menschen unabhängig bin, dass ich mir selbst genug bin und mich liebe, wie ich bin?”

Fehlt da was? Und das schon seit anfangloser Zeit? Woher hätte diese meine Selbstliebe kommen können? Oder verlange ich einfach zu viel, weil “man” das überall so liest. Man müsse so sein?

Bedingungslose Liebe und die Fähigkeit zur Selbstliebe können wir nur durch unsere eigenen Eltern bekommen. Von Mutter und Vater. Das wäre schön gewesen.

Aber haben sie mir doch viel zu oft gesagt, dass ich zu wenig dies und zu viel das bin. Sie haben mich ermahnt, dass man mich zwar sehen, aber nicht hören darf. In Momenten meines größten Überschwangs, wie schön das Leben ist, wurde ich zurechtgewiesen. Sollte mich anpassen.

Die Lebensängste meiner Eltern sollten meine Ängste werden. Wurden sie Gottseidank aber nicht. Sie haben mich gezwungen von meinen wildesten und schönsten Vorstellungen und Träumen abzulassen.

Ich sollte nett sein. Ruhig. Bloß nicht auffallen. Fleißig. Und wenn ich wütend war, musste ich in meine Zimmer gehen. Und das war ich dann oft. Ich musste leisten, erst dann war ich gut. Habe gelernt, dass ich nicht richtig bin, wie ich in meinem Innersten tatsächlich bin.

Ich erfuhr diesen Urschmerz der Ablehnung durch die eigenen Eltern. Immer wieder.

Was folgte? Ich begehrte gegen alles und jeden auf. Bis heute oftmals. Aber wieder zurück zur Selbstliebe.

Wie hätte ich Selbstliebe und Selbstachtung erfahren sollen? So, wie beschrieben? Wohl kaum.

Da halfen später auch keine Bücher, Seminare und Kanzelreden. Mal auf die schnelle zur Selbstliebe. Oder in fünf Schritten dahin. Kann nicht gehen. Und führt nur zu noch mehr Leid und Versagensängsten. Schnelle Veränderung ohne das WARUM dahinter, ist noch schneller wieder weg.

Da denke ich immer wieder an den wundervollen Artikel meines lieben Freundes Hans-Jürgen Lahann “Ist es doch irgendann zu spät für eine glückliche Kindheit?”.

Ist es. Zu spät für eine glückliche Kindheit. Die Lücke ist da. Die Sehnsucht und der Wunsch nach Anerkennung und Liebe …

Ja, und nun? So what.

Ich mach das Beste daraus. Anzuerkennen, dass ich sehr wohl die Aufmerksamkeit, die Anerkennung und die Berührungen meiner Seele, meiner Haut durch andere Menschen brauche. Wie die Luft zu atmen.

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Und das ist auch schön. Durch andere Menschen mehr zu sein, als ich allein vermag.
Ja, ich freue mich, wenn ich durch meine Worte andere Menschen berühren kann. Wenn ich ein “like” von Menschen bekomme, die mir sehr am Herzen liegen. Und es ist mir nicht egal.

Es ist einfach großartig, wenn ich Rahmenbedingungen schaffen kann, in denen Menschen einen guten Job machen können. Und ich dann so unglaublich viel zurückbekomme. 🙂

Möglicherweise ist all das auch der Grund, warum ich mich wieder für den 44. Berlin-Marathon am 24.09.2017 anmelden möchte/will. Ich liebe das Gefühl über den Marathon mich selbst zu ergründen. Darüber zu wachsen. Und die Anerkennung, die all das mit sich bringt.

Und? Ist das schlimm? Wo ist das Problem?

Es gibt kein Problem. Ist einfach so. Ja, ich brauche anderen Menschen zum Leben. Zum Glück zum Glück. Wir sind nicht allein. Und viel Gutes kommt durch viel Miteinander. Wir sind zu allererst fühlende Wesen. Fühlen geht nur durch Emathie und die Liebe zu anderen Menschen.

Das ist mir gerade in den letzten Tagen so sehr bewusst geworden. Dankbar dafür bin ich. (Mein liebes Kind, wie lange noch?)

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Die ewige Suche nach der Selbstliebe wird überbewertet. Sicher!!

Von Herzen <3

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P. S. Meine Eltern haben es im Übrigen auch nicht besser gekonnt. Heute bin ich auf dem Weg zur Versöhnung. Mit mir und mit meiner Mutter. Mit meinem Vater gelingt mir dies leider nicht mehr.

6 Kommentare

  1. Hi Astrid, ich finde dadurch, dass Du in der Lage bist, das was Dich berührt, bewegt, freut, oder oder oder offen auszusprechen, unabhängig von dem was der Rest der Welt “laut” denk, ist ein grosser Teil von der Freiheit unserer Autonomie. Selbstliebe ist ein Wort, ein Hinweis… Für mich sind nach vielen fehlgeleiteten Jahren, Jahrzehnten die Authentizität meiner selbst das größte und wichtigste. Dazu gehören auch Dinge die ich nicht mag, nicht kann oder einfach nicht will. Und wenn der Rest der Welt es so macht, weil man es (schon immer) so macht oder noch schlimmer “es halt so ist”…Bitte schön… Und hey, bei diesem Marathon… Lauf für Dein Leben nicht um dein Leben.. Alles erdenklich liebe aus Speyer

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    • … Lauf für Dein Leben. Nicht um Dein Leben. Das hast Du wundervoll geschrieben. DANKE dafür.
      Und ich danke Dir für Deine Worte. Unabhängig (fast) vom Rest der Welt JA oder NEIN zu sagen, dass ist eine schönes Gefühl der Freiheit. Dieses haben wir uns erarbeitet. Im Laufe der Jahre. Und wenn der Rest der Welt auf der Suche nach der 100 %igen Selbstliebe ist … Sollen sie alle mal suchen. 🙂
      Danke und ich umarme Dich. Hoffentlich bald in echt.
      Astrid <3

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  2. Hallo Astrid, natürlich brauchen wir die Liebe und Aufmerksamkeit und Berührungen von anderen Menschen…… Allerdings erwarten wir zu oft zu viel von ( diesen ) Menschen. Sie sollen unseren emotionalen Löcher stopfen uns ja manchmal durch das Leben tragen…. aber DIESE spezielle Liebe die wir brauchen können sie uns nicht geben.

    Und wenn wir nicht bereit sind uns mit Selbstliebe auseinander zu setzen….uns selbst zu lieben, selbst zu finden…… so werden unsere sseelenverletzungen durch andere Menschen eher noch getriggert.

    So zumindest meine Erfahrung und Meinung. Deshalb bin ich manchmal auch lieber mit mir allein …( früher bin ich in solchen Situationen immer zu jemandem geflüchtet) Aber niemand kann mich retten….außer ich selbst!

    Ich drücke dich, Jen

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    • Wenn wir erwarten, dass uns andere Menschen glücklich machen, dann sind wir in der Tat auf dem gleichen Holzweg ins Unglück. Und dennoch oder gerade deswegen sind wir nicht allein. Bedingungslos geben und dankbar nehmen. Das ist für mich ein guter und gangbarer Weg. Bedingungslos geben hat viel mit Selbstliebe zu tun. Nur damit. Denke ich. UND vielen Dank für Deine Zeilen.
      Und ja, es kann mich keiner retten. Nur ich selbst. Und manchmal braucht es einen Rettungsring, den mir jemand zuwirft, damit es gelingt. Ich umarme Dich.

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  3. Liebe Astrid,
    vielen Dank, dass Du dieses wichtige Thema auf Deine provokante und liebevolle Art aufgegriffen hast! Und danke für den Link zu meinem Artikel 😉
    Ja, auch die “tolle Selbstliebe” kann zur Religion, zum Allheilmittel werden, um den Urschmerz nicht fühlen zu müssen. Der Irrtum ist ja immer der, dass wir denken, wir kommen darum herum. Dabei ist es gerade dieser Schmerz, der uns die Tür zur weiteren Entwicklung zeigt.
    Ich sage statt Selbstliebe gerne “Selbstmitgefühl”, das trifft es für mich besser. Gut mit mir sein, auch im Schmerz. Und den Schmerz Schmerz sein lassen, er gehört zum Leben wie das Lachen 🙂
    Vielen Dank für Deine schönen Zeilen 🙂
    Liebe Grüße
    Hans-Jürgen

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    • Lieber Hans-Jürgen, ich liebe Deine präzisen und so scharfen Gedanken.
      Neue Religionen: fanatisch betonte Selbstliebe und der neue Minimalismus sind nur zwei Beispiele, wie wir HINHÖREN und HINFÜHLEN vermeiden.
      Wer in das Innere seiner eigenen Burg will, muss durch den schlammigen Graben schwimmen. Annehmen was ist. Auch wenn es schwer fällt. Klingt immer komisch. Ist aber so.
      Herzensbasierende Umarmung <3
      Astrid

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