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Mein Schweinehund und ich …

Oder 5 Gründe, warum ich in diesem Jahr meinen 5. Berlin-Marathon laufe

Laufen ist gesund. Nur leider muss ich mich dafür bewegen.

Das gefürchtetste Sagentier liegt fett und faul in meinem Körper und döst, solange ich nicht beginne die Tage bis zu meinem fünften Berlin Marathon zu zählen.

Noch 10 Wochen und 6 Tage bis zum 42. BMW Berlin-Marathon!

Sobald jedoch die Zeit bis dahin immer enger wird (gefühlt ab jetzt), dreht das Vieh durch. Es beißt und reist an der Kette und spricht ständig mit mir. Es weiß, dass ich viel beschäftigt bin und hilft mir dabei, immer wieder neue Wichtigkeiten zu finden, um die längeren Läufe zu vermeiden oder sie einfach mal wieder kürzer ausfallen zu lassen. Und so glaube ich an meine eigene Doofheit und meine, mich überlisten zu können. Aber morgens um fünf, bei frischen Temperaturen unter 10 Grad und leichtem Regen kann das nicht mal Helene Fischer schön singen. Schade um mein hilfreiches Feindbild.

Ich habe meinen Schweinehund nie gesehen und trotzdem glaube ich an seine Existenz, da er meine zutiefst menschlichen Empfindungen versinnlicht. Er präsentiert die/meine gute alte Unlust. So renne ich im Sprinttempo in die sagenumwobene Midlife-Crises, von der ich bisher natürlich nur gelesen habe.

Marathon ist der Nachweis für Überlegenheit:

  • ich bin diszipliniert
  • ich bin fleißig
  • ich bin sportlich
  • ich bin erfolgreich
  • ich bin aktiv …

Wer lässig auf seine Marathoneinläufe verweist, glaubt, sein Sozialprestige sofort zu heben. Und wenn das nicht reicht, dann muss der Triathlon herhalten (dazu später in einem der nächsten Beiträge mehr).

… Also bin ich eigentlich total langweilig.

Einer meiner schönsten Schwächen ist der Glaube an die Unumstößlichkeit meines elektronischen Kalenders.

Diesen Kalender immer wieder neu zu füllen, mit den Dingen, die ich umsetzen möchte, aber nicht umsetzen will – das ist einer meiner größten Erfolge. Was lerne ich daraus? Natürlich nichts, weil ich spätestens in der kommenden Woche exakt den gleichen Fehler minutiös wiederhole.

Moment mal … – muss ich eigentlich für einen Zieleinlauf knapp unter fünf Stunden trainieren??
Schon immer finde ich die Marathon-Finisher am coolsten, die deutlich unter vier Stunden laufen, in ihrem Umfang einem Flusspferd ähneln und sich im Ziel erstmal eine „Camel ohne“ reinziehen.

Vor einem meiner Silvesterläufe vor einigen Jahren (nur 10 km und gefühlten 1000 m Höhenunterschied am Teufelsberg), den ich mit einem Freund lief, aß dieser kurz vor dem Start 2 Rostbratwürste und trank 2 große Glühwein MIT Schuss. UND er kam zu allem Überfluss auch noch über 20 Minuten vor mir ins Ziel … !!!
Aber das wollte ich gar nicht schreiben.

Heute Morgen habe ich es dann tatsächlich ohne Laufuhr auf knapp zwei Stunden gebracht. Wie lang die Strecke war, kann ich nicht sagen. Da mein Tempo knapp unter Walkerniveau lag, gab es auch keinen Grund zu schnaufen. Theoretisch. ☺
Das Gute ist, mir geht es nach einem längeren Lauf immer besser.

Optimistisch würde ich sagen, es könnten 15-18 km gewesen sein. Sehr optimistisch. Oder auch weniger. 😉

Da ich am 27.09. unter 5 Stunden ins Ziel kommen möchte, hoffe ich auch diesmal, daß Marathontraining zu sehr überbewertet wird. Für diese „Zielzeit“ gibt es noch nicht mal Trainingspläne. Wie gut! So muss ich mich an keine Plan halten.

Es werden also lange 10 Wochen. Für mich, meinen elektronischen Terminkalender und meinen Schweinehund.

So! Also nun meine 5 Gründe, in diesem Jahr wieder den Berlin-Marathon zu laufen:

  • ich kann jedem (auch dem, der es nicht wissen will) im Vorfeld erzählen, dass ich WIEDER den Berlin-Marathon laufe
  • die halbe Stunde vor dem Start (mit anderen 40.000 Verrückten) entfacht in mir ein fast magisches Gefühl der Verbundenheit, dass mich jedes mal zu Tränen rührt
  • die letzten 1000 m auf dem Weg zum Ziel entlang der Straße „Unter den Linden“ und durch das Brandenburger Tor erlebe ich jedes mal als meinen eigenen sportlichen Ritterschlag – genau dabei fehlt mir jedes mal fast die Luft zum Atmen
  • die Medaille ist der vierte Grund, die habe ich schließlich mitbezahlt
  • der Stolz, der dann bleibt ist unfassbar. Und ja, ich kann erzählen: Ich habe es geschafft – mich selbst bezwungen

Fazit:

So ein Marathon ist einfach 30 km zu lang. Es geht mir um das davor und darum 42,195 km gesund zu überstehen. Der Schmerz geht, der Stolz bleibt. Lange.

So sage ich wie jedes Jahr, das es in diesem Jahr mein letzter Marathon sein wird. Bis zum Zieleinlauf … Dann kann ich es kaum erwarten – bis das Anmeldeportal für das nächste Jahr wieder geöffnet wird.

Was ist es, was mich antreibt? Ehrgeiz? Verzweiflung? Wille? Neugier auf andere Dimensionen? Das Laufen ist einer der wenigen Momente, wo man sich nicht verstecken kann. Ich kann nicht so tun, als ob. Und das ist vielleicht das wahre Geheimnis des einsamen Bewegens. Man findet zu sich. Ich finde zu mir.

Bildschirmfoto 2015-07-06 um 19.26.28

 

P. S. Interessenten am „Seniorenlaufen“ melden sich bitte unter www.rawrebel.de!

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  5. Das Lob über Deine Art zu schreiben wiederhole ich gern. Mir machen Deine Texte Spaß.
    Inhaltlich habe ich eine andere Einstellung zum “gefürchtetsten Sagentier”(herrlich!) und auch zum Sport an sich.
    Die Macht jenes “Schweinehundes” ist m.E. Folge eines “Bestrafungsimages”, das der Sport durch die Medien erhalten hat. Da heißt es ständig “du musst Dich bewegen, wenn Du kulinarisch gesündigt hast, du musst Sport machen,um attraktiv zu sein, du musst, musst …musst. Das ist so schade. Sport (von lat. “Disportare”= sich zerstreuen, erholen)galt einst als “die schönste Nebensache der Welt. Als Kinder sind wir gerannt, geklettert usw. ohne Gedanken an Kalorien, Fitness oder sonstwas – reine Bewegungsfreude. Das geht den meisten durch obengenannten Imagewandel verloren und Bewegung wird zur Bestrafung – durch den “inneren Schweinehund” besonders hart. Erinnert Euch an Kindertage – Bewegen müssen wir uns nicht – wir DÜRFEN es und es macht Riesenspaß. Wenn Wettkämpfe(auch ich habe 30Jahre Leistungssport gemacht), Trainingspläne und schlechtes Gewissen spaßbremsend die Oberhand gewinnen, sollte man die Art des Sporttreibens überdenken. Macht Euch frei! Ich laufe jeden Tag, weil ich richtig Lust darauf habe und ich laufe so lange, weit und schnell wie ich mich an diesem Tag fühle und nicht wie ein Plan es vorschreibt. Ich gehe Tennis, Fußball spielen oder oder oder…Wir leben sportlich in einem Paradies. Und als Fulltimeworker sage ich: die Zeit findet jeder. Ganz ehrlich: Der “innere Schweinehund” in Sachen Sport hat in meinem Körper keine Heimat gefunden.
    Geh Deine Vorbereitung auf den 27.09. entspannt an, liebe Astrid. Du bist ein sensibler Mensch, der seine Körpersigale sicher zu deuten weiß. Und immer schön auf genug B12, Eisen usw. achten :-).
    Toi,toi,toi
    Stefan

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  6. Liebe Astrid,

    vielen Dank! Allmählich gehören Deine Blogbeiträge zu meinen absoluten Favoriten. Ich habe soooo gelacht und mich wieder erkannt, obwohl ich nicht laufe (wegen meines Knies, du weisst ;-)) Ich sach nur: elektronischer Kalender… der Brüller!
    Freue mich schon auf den nächsten Beitrag!

    Liebe Grüße
    Hans-Jürgen

    Antworten

    • Lieber Hans-Jürgen,

      wie schön zu lesen, das Du gelacht hast/lachen konntest, amüsiert warst. Ich erlebe mich in der Tat genau so. Und bei “gutem Wind” kann ich dann auch über mich lachen. Meistents. 🙂
      Ich bin mir sicher – den leicht zu verschiebenden elektronischen Kalandereintrag kennt fast jeder. Musst ja nichts mehr durchstreichen …
      Ich wünsche Dir eine frohe Woche mit viel Flexibilität im Kalender!!
      Liebe Grüße
      Astrid <3

      Antworten

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